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Anstieg von Übernahmen deutscher Technologiefirmen durch chinesische Investoren​

SPIONAGEABWEHR     11 | 2017

China ist bereits die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und treibt mit Projekten wie der Asiatischen Infrastruktur-Investmentbank und der Neuen Seidenstraße den Sprung ins Zeitalter des „Industrial Internets“ („Industrie 4.0“) voran. Mit dem Masterplan „Made in China 2025“ will das Land die Technologielücken zum Westen schließen und zu den führenden Industrienationen der Welt aufschließen. Allerdings lassen sich die ehrgeizigen Ziele nicht ausschließlich durch eigene Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen erreichen: Auch die Wirtschaftsspionage spielt eine entscheidende Rolle, um nationale Interessen durchzusetzen.
 
Chinesische Investoren befinden sich weltweit auf „Einkaufstour“: 2016 haben Unternehmen aus der Volksrepublik Milliardensummen für Übernahmen im westlichen Ausland ausgegeben. Mit dem so erworbenen Know-how will die chinesische Regierung Technologielücken schließen und letztlich die Marktführerschaft in Bereichen übernehmen, auf denen heute das Wachstum vieler Industrieländer beruht. In diesem Zusammenhang sind die medienwirksamen Firmenübernahmen in Deutschland zu sehen.
 
Während sich China in der Vergangenheit eher für kriselnde Unternehmen interessierte, die günstig zu erwerben waren, gilt der Übernahmeeifer mittlerweile häufiger den „Premiumfirmen“. Bei den chinesischen Investoren, die in Deutschland derzeit aktiv sind, handelt es sich vielfach um Unternehmen, die unmittelbar staatlichen Behörden unterstehen oder von diesen finanzielle Unterstützung erhalten – und damit auch kontrolliert werden. Von Januar bis Oktober 2016 übernahmen Investoren aus China insgesamt 58 deutsche Firmen. Das Investitionsvolumen lag bei 11,6 Milliarden Euro, also rund 20-mal so hoch wie im Jahr 2015. [Die Zahlen wurden von der Unternehmensberatung Ernst & Young ermittelt und am 27. Dezember 2016 auf „Zeit online“ veröffentlicht (http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-12/china-investoren-uebernahmen-firmen-deutschland-hoechststand).]
 
Für Aufsehen sorgte insbesondere die Übernahme des Augsburger Roboterbauers Kuka durch den chinesischen Hausgerätehersteller Midea im August 2016. Aber auch Unternehmen aus anderen Branchen, etwa dem Gesundheits- und Transportwesen oder dem Energie- und Kommunikationssektor, sind für die Investoren attraktiv. So wurden in München der Spezialmaschinenbauer KraussMaffei und in Göppingen der Entsorgungskonzern EEW, ein Hersteller von Müllverbrennungsanlagen, aufgekauft.
 
Risiken für die deutsche Wirtschaft
 
Die Aufkäufe bergen zwei Risiken: Zum einen werden leichtfertig Zukunftstech-nologien in die Hände von Staaten gegeben, die anschließend westliche Staaten in der Entwicklung der Hochtechnologie überholen und so mittelfristig die dortige Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum schwächen. Zum anderen kann die Staatsmacht eines fremden Staates hierzulande wirtschaftspolitische Entscheidungen nachhaltig beeinflussen, ohne dass ein deutsches Mitspracherecht bestünde. Teilweise könnte dies dazu führen, dass das Politbüro der chinesischen Volksrepublik über die Zukunft der deutschen Wirtschaft entscheidet.
Was bei den Firmenübernahmen auffällt: Die Zukäufe finden vor allem in Branchen statt, die für Chinas Regierung von strategischer Bedeutung sind. Umgekehrt schützt der chinesische Staat einheimische Produzenten durch staatliche Reglementierung vor ausländischer Konkurrenz: In den 2015 überarbeiteten Richtlinien der Regierung werden 38 Geschäftsfelder [Veröffentlichung ebenda.] genannt, in denen Firmenübernahmen durch ausländische Unternehmen grundsätzlich verboten sind.
 
Dies verdeutlicht, dass China die Offenheit marktwirtschaftlicher Ordnungen einseitig ausnutzt, um eigene großangelegte wirtschaftliche und außenpolitische Ziele zu verfolgen. Allerdings musste die Volksrepublik bei ihrer Einkaufstour auch Rückschläge hinnehmen. So wurden die Übernahmepläne des rheinischen Chip-Anlagenbauers Aixtron zum Politikum, weil der damalige US-Präsident Barack Obama am 2. Dezember 2016 sein Veto dagegen einlegte: Sobald eine ausländische Firma eine Niederlassung in den USA betreibt, hat die Regierung der USA ein Mitspracherecht. Die Firma Aixtron aus Herzogenrath/Nordrhein-Westfalen hat eine Zweigstelle in Kalifornien mit rund 100 Mitarbeitern. Die Ablehnung wurde seitens der USA damit begründet, dass das technische Wissen der Firma auch für militärische Zwecke eingesetzt werden könne. Die Bundesregierung nahm die Unbedenklichkeitsbescheinigung der Transaktion daraufhin zurück und ordnete eine verschärfte Prüfung an.
 
Um seine wirtschaftlichen Ambitionen verwirklichen zu können, nutzt China nicht nur offene Kanäle, um sensible Informationen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Technik konspirativ zu beschaffen. Nach wie vor bildet die Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage einen Schwerpunkt der chinesischen Auslandsaufklärung. Wenn China an der Akquise von Know-how dringend interessiert ist, dieses auf loyalem Wege jedoch nicht erlangen kann, wird versucht, das angestrebte Ziel gegebenenfalls auch mit anderen Mitteln zu erreichen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der leistungs- und personenstarke Nachrichtendienstapparat. Neben der Spionage mit menschlichen Quellen gewinnt die Cyberspionage immer mehr an Bedeutung.