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Al-Azhar: „Wohin gehen die IS-Kämpfer?“

Islamismus     5 | 2018

Wohin gehen die Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS)? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine neue Analyse der al-Azhar-Universität in Kairo/Ägypten. Nach dem Fall des IS-„Kalifats“ in Syrien und Irak prognostiziert die al-Azhar drei Optionen für fliehende IS-Kämpfer: erstens den Rückzug in andere Länder, um dort wieder Fuß zu fassen; zweitens vermehrte Terroranschläge im Westen durch die Rückkehr von europäischen IS-Kämpfern; drittens einen aus der Wüste geführten Guerillakrieg gegen lokale Streitkräfte. Die Einschätzung der al-Azhar klingt plausibel, erscheint jedoch generell zu überspitzt und dient damit auch dem eigenen Image als authentische Führungsinstitution innerhalb der islamischen Welt.

Die al-Azhar-Universität in Kairo, das Zentrum der sunnitischen Gelehrsamkeit in der islamischen Welt, gründete im Jahr 2016 das „Al-Azhar-Observatorium für die Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus“. Diese Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der extremistischen Ideologie des IS und versucht, diese durch theologische Abhandlungen zu widerlegen und ein moderates, jedoch konservatives Islamverständnis zu verbreiten. Entsprechende Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagnen sollen zudem ägyptische Jugendliche vor Radikalisierung schützen.

Angesichts der aktuellen territorialen Verluste des IS in Irak und Syrien veröffentlichte das al-Azhar-Observatorium zwischen dem 20. und 22. Februar 2018 einen dreiteiligen Bericht mit dem Titel „Wohin gehen die IS-Kämpfer?“. Laut diesem Papier bedeutet die Niederlage keineswegs das Ende der Gefahr durch den IS. Vielmehr sieht die Arbeitsgruppe die Weltsicherheit weiterhin bedroht durch fliehende – und vor allem bewaffnete – IS-Kämpfer, über die Welt verstreute Einzeltäter und die Verbreitung der IS-Propaganda im Internet. In ihrem Bericht präsentiert die al-Azhar drei mögliche Optionen, wohin sich überlebende IS-Kämpfer nach dem Fall des „Kalifats“ absetzen könnten:

Option 1: Rückzug in andere Länder
„Es gibt keinen Zweifel daran, dass IS-Kämpfer nach dem Fall ihrer Hochburgen in Irak und Syrien angefangen haben, an andere Orte zu fliehen. In ihnen sieht der IS einen fruchtbaren Boden, um neue Stützpunkte zu errichten“, schreibt die al-Azhar. Als wahrscheinlichste Rückzugsorte identifiziert der Bericht Afghanistan, Westafrika, die Sinai-Halbinsel, Libyen, Pakistan und Südostasien.

Afghanistan biete aufgrund seiner sozialen und religiösen Spannungen ein geeignetes Klima für verschiedenste jihadistische Gruppen. Insgesamt seien bereits 10.000 IS-Kämpfer dorthin geflohen, darunter hauptsächlich Turkmenen, Tschetschenen, Tadschiken und Usbeken, aber auch Pakistaner und Araber aus der Golfregion.

Eine große Gefahr sieht die al-Azhar in den ca. 6.000 IS-Kämpfern aus afrikanischen Ländern, vor allem aus den Wüstenregionen und der Sahelzone. Diese könnten sich als Rückkehrer die Armut und Perspektivlosigkeit der jungen Menschen zunutze machen und sie für sich gewinnen.

Auf der Sinai-Halbinsel erkennt die al-Azhar eine Veränderung in der taktischen und strategischen Ausrichtung des IS. Die aktuellen Anschläge des IS bzw. seines ägyptischen Ablegers „Ansar Bait al-Maqdis“ richteten sich zwar weiterhin auch gegen Militär- und Polizeieinrichtungen, jedoch stünden verstärkt koptische Kirchen und Sufi-Orden im Fadenkreuz. Damit ziele der IS auch in Ägypten auf soziale Spannungen und eine Polarisierung der Gesellschaft. Gleichzeitig lobte die al-Azhar die geeinte ägyptische Nation und ihren Präsidenten Abdel Fatah as-Sisi, der die Stabilität des Landes garantiere.

Ungeachtet der Zurückdrängung des IS in Libyen sei das dortige Fehlen stabiler staatlicher Strukturen weiterhin der Nährboden für ein Erstarken des IS. So befinden sich nach Angaben der al-Azhar noch ungefähr 6.500 IS-Kämpfer in der libyschen Wüste, am Übergang zur Sahelzone und damit zum Tor nach Westafrika. Darin sieht die al-Azhar das Risiko, dass sich libysche IS-Kämpfer langfristig mit der Terrororganisation „Boko Haram“ in Nigeria verbünden könnten.

Die al-Azhar prognostiziert, dass die nach Afghanistan geflohenen IS-Kämpfer weiter nach Pakistan ziehen werden, um ihr Projekt einer „neuen Seidenstraße“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Infrastrukturprojekt der Volksrepublik China) zu verwirklichen. Entlang der historischen Handelslinie über Pakistan und China bis nach Südostasien sieht die Universität die Möglichkeit der Entstehung jihadistischer Hotspots.

In Südostasien versuche der IS schließlich, neben Westafrika und Afghanistan einen weiteren regionalen Stützpunkt zu errichten. Hierbei baue der IS u. a. auf das spannungsreiche Klima durch die Unterdrückung der muslimischen Rohingya-Minderheit in Myanmar. Als Beleg für die Orientierung nach Südostasien sieht die al-Azhar auch den IS-Bombenanschlag in Jakarta/Indonesien 2016.

Option 2: Terroranschläge im Westen
Für zukünftig wahrscheinlich hält die al-Azhar auch gezielte Terroranschläge im Westen. Bei diesem Szenario verfolge der IS die Strategie, den Konflikt von Ost (arabische Welt) nach West (Europa) zu transportieren. Eine immense Gefahr für Europa gehe von europäischen IS-Kämpfern aus, die nun wieder in ihre Heimatländer zurückreisten. Beispielhaft nennt die al-Azhar relativ aktuelle Zahlen zu Syrien- und Irakreisenden aus Deutschland (940; Stand: Juli 2017) und Frankreich (700). Hierbei betont der Bericht die Unsicherheit europäischer Staaten im Umgang mit den Rückkehrern – auch mit Bezug auf die aktuell in irakischer und kurdischer Haft befindlichen deutschen Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben. So werden auch Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron über deren Besorgnis wegen jihadistischer Rückkehrer aufgegriffen.

Option 3: Guerillakrieg aus der Wüste
Für all jene IS-Kämpfer, die in benachbarten Staaten nicht Fuß fassen können oder denen die Reise nach Europa nicht gelingt, prognostiziert die al-Azhar einen Rückzug in entlegene Wüstenregionen. Von dort aus betrieben die verstreuten IS-Segmente dann einen Guerillakrieg gegen deren lokale Feinde, wie es aktuell in Irak und Syrien der Fall sei.

Handlungsempfehlungen der al-Azhar

Der Bericht deutet den Rückzug von IS-Kämpfern in andere Länder als die wahrscheinlichste Option. Parallel sei die Rückkehr von europäischen IS-Kämpfern eine ebenso große Gefahr für Europa. Einen aus der Wüste betriebenen IS-Guerillakrieg hält die al-Azhar hingegen nur als letzten Ausweg für wahrscheinlich.

Um dem Phänomen von Extremismus und Terrorismus generell zu begegnen, unterbreitet die al-Azhar allen Regierungen der Welt folgende sechs Handlungsempfehlungen:

1. Eine verstärkte internationale Kooperation im Kampf gegen Terrorismus,
2. die Beendigung von „unfairer Politik“, die maßgeblich zum Entstehen von Terror beigetragen habe (in diesem Zusammenhang ruft sie zur Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Palästinas auf),
3. das Lösen des Problems von vertriebenen Minderheiten wie in Myanmar und Thailand,
4. internationale Hilfe für wirtschaftsschwache Länder,
5. die Schaffung eines Nationalbewusstseins als integrativer Faktor – besonders jedoch eines islamischen Bewusstseins, um religiöses Wissen von Extremismus unterscheiden zu können – und
6. die klare und ausnahmslose Widerlegung der IS-Ideologie nach dem Beispiel der al-Azhar.

Bewertung

Insgesamt erscheinen die von der al-Azhar aufgezeigten Antworten auf die Frage „Wohin gehen die IS-Kämpfer?“ durchaus plausibel. Fraglich bleiben jedoch gerade der Umfang und die strategische Herangehensweise beim vorhergesagten Rückzug in andere Länder. Zwar ist ein Rückzug von libyschen IS-Kämpfern nach Westafrika denkbar, ein Bündnis mit dem „al-Qaida“-Ableger „Boko Haram“ erscheint jedoch aufgrund inner-jihadistischer Rivalitäten unwahrscheinlich. Auch stellt sich die Frage, woher die al-Azhar die große Zahl von 6.000 afrikanischen IS-Kämpfern bezieht. Laut aktuellen Statistiken kommen große Kontingente aus Tunesien (über 3.000 Kämpfer) und Marokko (über 1.500) – aus Subsahara-Afrika sind jedoch kaum Ausreisen zu verorten. Ebenso fragwürdig ist eine stringent verfolgte Strategie zur Errichtung der o. g. „neuen Seidenstraße“ bis nach Südostasien.

Wahrscheinlicher dürfte hingegen ein Nebeneinander von mehreren regionalen, unkoordinierten IS-Ablegern sein, die je regionale Interessen vertreten und weniger an einem gemeinsamen geopolitischen Projekt arbeiten als vielmehr miteinander konkurrieren. Dies schließt von dort geplante Terroranschläge im Westen jedoch nicht aus. Die von IS-Rückkehrern ausgehende Gefahr für Europa ist auch aus Sicht der europäischen Sicherheitsbehörden von großer Relevanz, jedoch erscheint die Darstellung der al-Azhar hinsichtlich der politischen Unsicherheit deutlich überspitzt. Die sechs Handlungsempfehlungen am Ende des Berichts dienen – trotz teilweiser Berechtigung – schließlich den politischen Interessen der Universität: Hier präsentiert sich die al-Azhar als Fürsprecherin unterdrückter muslimischer Minderheiten und als religiöser Leuchtturm, an dem sich Muslime weltweit orientieren sollten.