Sie sind hier: Startseite > Arbeitsfelder > Islamismus > Archiv > Archiv 2016 > Das Konzept der tugendhaften Frau in der Sichtweise der IGMG

Das Konzept der tugendhaften Frau in der Sichtweise der IGMG

Islamismus     11 | 2016

Die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) versteht die religiöse Erziehung und Bildung ihrer Mitglieder als Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Für eine solche Institution ist die aktive Einbindung der Frauen in ihre Organisationsstrukturen unverzichtbar. Das von der IGMG vertretene Frauenbild trägt modernen Vorstellungen von gesellschaftlicher Partizipation insofern Rechnung, als Frauen im Rahmen der Organisationsstrukturen Tätigkeiten als Hodja, Predigerin oder Pädagogin zugestanden werden; darüber hinaus werden junge Frauen auch zu beruflicher Qualifikation ermutigt. Beim äußeren Erscheinungsbild der Frauen propagiert die IGMG das Ideal der islamkonformen Verhüllung. Daran zeigt sich, dass sie einem Konzept von Moral und Tugendhaftigkeit folgt, das hinsichtlich Bekleidung und Verhalten auf die Wahrung der Geschlechtertrennung abzielt. Verbreitung und Akzeptanz dieses Konzepts fördert die IGMG auch in den Ortsvereinen in Baden-Württemberg mit verschiedenen Maßnahmen. 

Die Strukturen der Geschlechtertrennung werden innerhalb der IGMG-Organisations-struktur zum frühestmöglichen Zeitpunkt eingeführt. Eine koedukative Erziehung gibt es ausschließlich in der Vorschulphase, danach wird der Unterricht in den Moscheevereinen grundsätzlich nach Geschlechtern getrennt erteilt. Bei Veranstaltungen für beide Geschlechter wird auf die Einhaltung einer getrennten Sitzordnung geachtet.

Das Gebot der Verhüllung (tesettür) von Frauen – eine Position, die von Muslimen mehrheitlich, aber nicht generell geteilt wird – begründet man im Kontext der IGMG mit der besonderen Wertschätzung und Schutzbedürftigkeit von Frauen. Ein dem Frauenjugendverband des IGMG-Regionalverbands Schwaben zugehöriger Ortsverein lud am 23. Januar 2016 unter dem Titel „Perlen der islamischen Verhüllung“ zu einer Veranstaltung unter dem Motto „Die Rose ist schön in dem Maß, wie sie aufgeht – die Frau ist schön in dem Maß, wie sie sich verhüllt.“ Der IGMG-Ortsverein Enzweihingen veranstaltete am 24. Januar 2016 eine „Krönungszeremonie“ für 16 Schülerinnen, die sich für die islamkonforme Verhüllung entschieden hatten. Die jungen Frauen führten ein Theaterstück zum Thema auf, wurden zur Verhüllung befragt und mit Kronen und Geschenken geehrt. Der Frauenverband des IGMG-Regionalverbands Freiburg-Donau führte am 8. März 2016 eine Veranstaltung in Villingen-Schwenningen durch, bei der eine Gastpredigerin aus der IGMG-Generalzentrale zum Thema „Das Kopftuch ist Gebot Allahs und Persönlichkeit der muslimischen Frau“ referierte.
Auch im Ortsverein der IGMG in Sindelfingen wurden im März 2016 im Rahmen einer „Krönungsfeier“ 22 Schülerinnen für ihre Entscheidung geehrt, ein Kopftuch zu tragen. Die anwesende Predigerin habe den Schülerinnen die Bedeutung der Verhüllung erläutert und das Thema aufgegriffen, wie man zu einer „guten Gläubigen“ werden könne [vgl. Bericht über die Veranstaltung auf der Internetseite der IGMG Baden-Württemberg]. Dieselbe Predigerin sprach auch im Mai 2016 bei einem Symposium zum Thema „Verhüllung“ im Ortsverein der IGMG Philippsburg mit 140 Teilnehmern.

Sie sagte, dass die Verhüllung nicht nur mit „Bedeckung“ gleichzusetzen sei, sondern über die religiöse Dimension hinaus noch „psychologische, geographische, pädagogische und soziologische Aspekte“ aufweise. Es sei falsch, die Verhüllung lediglich „als ein Stück Stoff“ wahrzunehmen, da diese sich positiv auf die Psyche, das gesellschaftliche Leben, die Geisteshaltung und selbst auf die Erziehung auswirke. Hier wurden die jungen Frauen gleichfalls durch eine Krönung geehrt. Im Ortsverein der IGMG Fellbach präsentierte eine Mädchengruppe zum Ende der Unterrichtssaison 2015/2016 eine „Modenschau mit islamkonformer Verhüllung“.

Um die Motivation junger Mädchen zur Vorbereitung auf das Kopftuchtragen zu steigern, stellte die IGMG Rastatt am 14. August 2016 folgenden Text ins Internet, der aus der IGMG-Kinderzeitschrift „Cocuk“ (Ausgabe Nr. 07–08/2016) entnommen ist:

„Ratschläge an unsere mutigen weiblichen Mitglieder, die den Entschluss gefasst haben, nach den Schulferien das Kopftuch zu tragen

Fang vor Schulbeginn damit an, im Haus, draußen und unter Deinen Freundinnen das Kopftuch zu tragen; so gewöhnst Du Dich daran.
Sprich mit Deinen Freundinnen, die das Kopftuch tragen, und frag sie, wie sie sich fühlen. Wenn Du willst, triff Dich mit Deinen Freundinnen und organisiere eine Feier aus Anlass des Kopftuchtragens; so seid Ihr Euch gegenseitig eine moralische Stütze.
Finde die Farben heraus, die Dir stehen und die Dir gefallen. Wähle einen Stoff aus, in dem Du Dich wohl fühlst. Versuche, möglichst wenig Nadeln für Dein Kopftuch zu verwenden. Führe für alle Fälle eine Schachtel Nadeln als Ersatz mit Dir!
Bete! Erteile Dir selbst jeden Tag gute Ratschläge. Wenn Du in den Spiegel schaust, dann denk daran, dass Du schön und etwas Besonderes bist! Allah, Dein Schöpfer, liebt Dich so noch mehr.“

In ihrer Selbstdarstellung bejaht die IGMG die Gültigkeit von Bekleidungsvorschriften für Frauen, denen es demnach geboten ist, sich „bis auf Hände, Füße und Gesicht zu bekleiden sowie das Haupthaar zu bedecken“. Die Tatsache, dass das Tragen des Kopftuchs und der Verhüllung propagiert, gefördert und belohnt wird, stellt offizielle Verlautbarungen bezüglich der Freiwilligkeit und des Fehlens von Einflussnahme auf derartige Entscheidungen zumindest infrage. Frauen, die nicht verhüllt sind, scheinen in den Strukturen der IGMG nicht zu existieren. Auch kann als sicher gelten, dass die als Pädagoginnen, Predigerinnen oder Hodja tätigen Frauen in der Organisation im Hinblick auf das äußere Erscheinungsbild eine Vorbildfunktion in ihrem Umfeld ausüben.

Die nach IGMG-Lesart islamkonforme Verhüllung, wie sie innerhalb der IGMG praktiziert und von weiten Teilen der Umgebungsgesellschaft kaum hinterfragt wird, zieht potentiell weitere Fragestellungen nach sich; diese betreffen etwa den Umgang im Zusammenhang mit der Berufsausübung – auch im öffentlichen Dienst – sowie in jeglichem gemischtgeschlechtlichen gesellschaftlichen Kontext. Es scheint, dass die Suche nach Lösungen für diese Problemstellungen alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt, solange in Bezug auf den Umgang der Geschlechter Sichtweisen wie diejenige prägend sind, die einem Beitrag des IGMG-Jugendverbands Württemberg in den sozialen Netzwerken zu entnehmen ist:

“Keiner von Euch soll mit einer Frau allein bleiben, wenn kein naher Verwandter von ihr anwesend ist.“