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Die ästhetische Dimension der jihadistischen IS-Propaganda

Islamismus
    10 | 2016

Zwar konnte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) im Lauf des Jahres 2015 in militärischer Hinsicht nicht an den Erfolg der Vorjahre anknüpfen und ist auch in den beherrschten Gebieten immer weniger in der Lage, Governance-Leistungen [Governance umfasst über staatliche Leistungen hinaus auch den Bereich der Regierungsführung] zu erbringen. Dennoch hat ihre Fähigkeit, hochwertige Propaganda zu produzieren – auch wenn der schiere Output zeitweise zurückgegangen ist – bislang nicht erkennbar gelitten. Im Gegenteil: Mit ihren Propaganda-Produkten, die über eine Vielzahl von Medienstellen verbreitet werden, hat sie eine neue Messlatte für extremistische Propaganda gelegt. Die Stärke der IS-Propaganda liegt dabei nicht zuletzt in der Kultivierung einer Ästhetik, welche dem Zuschauer durch seinen herkömmlichen Medienkonsum bereits bekannt und damit zugänglich ist.

Es existieren zahlreiche mögliche Zugänge zum Themenfeld der IS-Propaganda: die Dynamik ihrer Verbreitungswege in den verschiedenen sozialen Medien, die Prävalenz bestimmter Propaganda-Typen oder die psychologischen Effekte extremistischer Propaganda im Rahmen von Radikalisierungsprozessen [Diana Rieger, Lena Frischlich, Gary Bente: Propaganda 2.0 Psychological Effects of Right-Wing and Islamic Extremist Internet Videos. München 2013]. Immer wieder wird hierbei auch Bezug auf die ästhetische Dimension der extremistischen Propaganda des IS genommen, welcher vor allem in Videos oftmals „Hollywood“-Niveau attestiert wird.
 
In der Tat ist es lohnenswert, sich die ästhetische Dimension der IS-Propaganda genauer anzusehen, da der „Islamische Staat“ in seinen Produkten einen eigenen visuellen Stil kreiert hat, der sich aus verschiedenen Formaten zusammensetzt; sie reichen von Dokumentationen und Reality-Shows über Hollywood-Filme sogar bis in das Anime-Genre oder den Hip-Hop hinein. Daher ist der Terminus „Hollywood“ insoweit irreführend, als es dem IS nicht allein darum geht, Filme im Stil von Hollywood-Produktionen zu fertigen. Vielmehr ist es der Terrororganisation gelungen, umfassend und erfolgreich den visuellen Stil moderner Produktionen zu imitieren, sich so in ästhetischer Hinsicht an die Sehgewohnheiten eines modernen (und westlichen) Publikums anzupassen und dessen visuelle Bedürfnisse zu befriedigen [Cori E. Dauber, Mark Robinson (2015): ISIS and the Hollywood Visual Style. http://jihadology.net/2015/07/06/guest-post-isis-and-the-hollywood-visual-style/, abgerufen am 26. April 2016; Steve Rose (2014): The Isis propaganda war: a hi-tech media jihad. http://www.theguardian.com/world/2014/oct/07/isis-media-machine-propaganda-war, abgerufen am 26. April 2016)].
 
Dies ist bereits auf grafischer Ebene erkennbar, wo der IS am deutlichsten die Ästhetik moderner Medienproduktionen übernimmt: Die Videos sind professionell geschnitten, die Übergänge zwischen einzelnen Szenen mittels gekonnter Effekte gestaltet. Es wird mit hohen Kontrasten und starker Farbsättigung gearbeitet und oft nur eine geringe Schärfentiefe verwendet, um bestimmte Objekte in einem visuellen Feld hervorzuheben – seien es die im „Kalifat“ als der Verwirklichung einer islamischen Utopie verfügbaren Güter oder das fließende Blut Ungläubiger nach einer Hinrichtung – und das restliche visuelle Feld in den Hintergrund zu rücken.
 
Auch in der Wahl seiner Kameraperspektiven spielt der IS mit einer modernen Ästhetik, indem er die einzelnen Szenen oft in verschiedenen Einstellungen dreht. So werden etwa Gefangene, zumeist gekleidet in Overalls, die das US-amerikanische Gefangenenlager Guantanamo Bay zitieren, vor ihrer Tötung bei ihrem Geständnis aus verschiedenen Perspektiven gezeigt – ähnlich den hochwertig produzierten Interviews westlicher Fernsehsender. Dabei werden teilweise Techniken wie das Durchbrechen der „vierten Wand“ [Das „Durchbrechen der vierten Wand“ bezeichnet ein Interagieren des Protagonisten mit dem Zuschauer, z. B. durch direkte Ansprache] eingesetzt, indem ein Gefangener den Zuschauer kurz vor seiner Hinrichtung direkt anblickt und ihn damit zum impliziten Teilnehmer der anschließenden Ermordung macht. Eine solche direkte Teilhabe wird ebenfalls durch die häufige Anwendung der Egoperspektive erreicht, die den Zuschauer direkt in die Szene des militärischen (oder zivilen) Alltags mitnimmt und ein Gefühl des unmittelbaren Dabeiseins vermittelt.
 
Dabei sind solche ästhetischen Darstellungsformen nicht an eine bestimmte Inhaltsebene wie etwa die visuelle Konstruktion einer „heilen Welt“ im „Kalifat“ gebunden, die vor allem während des vergangenen Ramadan einen prominenten Platz einnahm. Sie finden sich vielmehr in allen vom IS bedienten Narrativen. Nirgends wird dies deutlicher als in den Tötungsvideos des IS, in denen eine regelrechte Ästhetisierung der Gewalt stattfindet, sei es in Form sogenannter konkreter Gewalt zwischen zwei Individuen, sei es in Form abstrakter Gewalt gegenüber einer Gruppe wie dem syrischen Regime.
Vor allem bei der Darstellung konkreter Gewalt gelangt die gesamte Bandbreite ästhetischer Mittel zum Einsatz: Nach den Geständnissen in Form moderner Interviews werden vor den eigentlichen Tötungen die Gesichter der Gefangenen in Nahaufnahme gezeigt, teilweise wird die „vierte Wand“ durchbrochen. Der Tötungsakt selbst ist aus zahlreichen Perspektiven zu sehen, oft in Wiederholung und Zeitlupe. Schließlich wird zuletzt der Leichnam zur Schau gestellt – einschließlich aller Verletzungen und Wunden.
 
Dabei verwischt die Grenze zwischen physischer und virtueller Realität. Besonders eindrücklich zeigt dies ein Video, in dem Kinder mit der Waffe im Anschlag die Gänge einer Kreuzfahrerburg erkunden, um einen in den Gewölben versteckten Soldaten der syrischen Regierung zu finden und zu töten. Die Darstellung lehnt sich offensichtlich und explizit an Computerspiele im Stile von „Call of Duty“ oder „Tomb Raider“ an. Dabei wechseln sich erneut schnelle Schnitte und eine verwackelte Kameraführung während der Suche mit Szenen einer professionell inszenierten Hinrichtung ab. Dass die ganze Episode für die Kinder als Belohnung in einem Wettbewerb komponiert ist, macht die Pervertierung dieser Situation vollkommen.
 
Gerade die Ästhetisierung der Gewalt zeigt, dass es hilfreich ist, die Propaganda des IS in erster Linie nicht durch eine theologische Brille zu betrachten. Im Gegenteil: Lässt man die genuin islamische Bildsprache auf einer ersten, oberflächlichen Inhaltsebene außen vor, landet man bei generischen Gewaltdarstellungen (bis hin zum Zelebrieren von Gewalt), wie sie – auch in ihrer Brutalität und dem Spiel zwischen physischer und virtueller Realität – vor allem Jugendlichen und jungen Erwachsenen etwa aus dem Anime-Genre bekannt sind [Leroy Didier, Joost Hiltermann (2016): Why Belgium? http://www.nybooks.com/daily/2016/03/24/brussels-attacks-isis-why-belgium/; abgerufen am 26. April 2016]. Ebenfalls stark adaptiert wird eine Ästhetik aus der Hip-Hop-Subkultur, indem nicht nur heroische Männlichkeitsideale und eine (ironischerweise) höchst materialistische Darstellung von Waffen und Autos präsentiert werden, sondern ebenfalls der Gruppenaspekt – die Zugehörigkeit zu einer „Gang“ mit eigenen Symbolen und Styles – aufgegriffen wird. Nicht ohne Grund ist in diesem Zusammenhang oft von „Jihad Cool“ die Rede.
 Der zentrale Punkt ist, dass der IS in seiner Propaganda eine Ästhetik verwendet, die dem Zuschauer zumindest unterbewusst bereits bekannt ist: Die visuelle Ästhetik des IS befriedigt die Sehgewohnheiten eines an moderne Medienproduktionen gewöhnten Publikums vollständig; verschiedene Genres, vom professionellen Interview bis hin zum Anime oder Hip-Hop, werden zum Teil geradezu explizit zitiert. Damit präsentiert sich der IS auch in diesem Bereich als lernende Organisation, die in der Gestaltung ihrer Propaganda ihren jihadistischen Pendants wie „al-Qaida“ deutlich voraus ist. Ebenfalls wird erneut deutlich, wie sehr sich die jihadistische Propaganda (wie auch die salafistische Szene in ihrer Ästhetik im Allgemeinen) im Bereich der Subkultur bewegt, indem sie etwa ästhetische Elemente des Hip-Hop adaptiert. Es scheint daher lohnenswert, bei der Beschäftigung mit der Organisation die genuin islamischen Inhalte zumindest in Teilen zu vernachlässigen, um die darunter tatsächlich wirkenden Mechanismen aufzudecken.