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Die geheimen Akten von Scientology

SCIENTOLOGY     11 | 2017

Generell lässt sich die „Scientology-Organisation“ (SO) nicht gerne in die Karten schauen. Das gilt gerade auch für die Akten, die sie über ihre Mitglieder führt. Aktuell wurde hierzu eine Art Datenschutzerklärung der Stuttgarter SO-Niederlassung bekannt, die vor allem eines aufzeigt: Um einen – wie auch immer gearteten – Datenschutz ist es dort schlecht bestellt.

In der Erklärung der „Scientology Gemeinde Baden-Württemberg“ mit dem Titel „Grundsätze und Erklärungen zum Schutz der religiösen Privatsphäre“ wird zunächst deutlich: Wer ernsthaft den Weg der SO gehen will, muss de facto diese Erklärung unterzeichnen. Das undatierte Schreiben der Stuttgarter SO zeigt zum einen, wie viele verschiedene Akten Scientology über ihre Mitglieder führt. Zum anderen wird deutlich, dass die „religiöse Privatsphäre“ der Mitglieder entgegen den öffentlichen Behauptungen der SO keinen besonderen Stellenwert hat. Im Einzelnen:


„Basisdaten“ und „Korrespondenz-Akten“

Die SO erhebt bei ihren Mitgliedern personenbezogene Daten wie Namen, Geburtsdatum, Familienstand, Adresse, Erreichbarkeit, gekaufte Literatur, Seminare, Spenden usw., die sie in einer Papierakte oder auf einem Rechner speichert und weiter verarbeitet – unter anderem gibt sie diese Daten an ausländische SO-Instanzen weiter; auch in die USA. Hierzu heißt es bereits am Anfang der Erklärung der SO Stuttgart, dass „es in den USA kein mit dem europäischen Recht vergleichbares Datenschutzniveau gibt.“ Der bzw. die Unterzeichnende des Papiers der Stuttgarter SO tritt zudem alle Eigentumsrechte an der „Korrespondenz-Akte“ ab.


Bei „Basisdaten“ und „Korrespondenz-Akten“ dürfte es sich im Wesentlichen um die personenbezogenden Daten handeln, die in der sogenannten Zentraldatei („Central File“, CF) einer SO-Niederlassung erfasst werden. Nach scientologischem Verständnis ist eine CF das kollektive „Gedächtnis“ einer SO-Niederlassung. In der CF sollen dauerhaft diejenigen Daten der Personen aufbewahrt werden, die jemals Kontakt zu einer SO-Niederlassung hatten – und sei es nur, um ein Buch zu kaufen. In einigen Fällen beschwerten sich Betroffene darüber, jahrelang Werbepost von der SO erhalten zu haben, nachdem sie zum Beispiel ein Buch bestellt oder ihre Adresse an einem „Dianetik“-Bücherstand der SO hinterlassen hatten. Die Zentraldatei einer Organisationseinheit wie der in Stuttgart dürfte schätzungsweise mehrere zehntausend Datensätze umfassen.


„Staff-Akten“

„Staffs“ sind hauptamtliche oder nebenamtliche Mitarbeiter einer SO-Niederlassung. Laut der Erklärung der Stuttgarter SO werden in den „Staff-Akten“ unter anderem „Ausbildung, Fortschritte und Leistungen“ der Mitarbeiter dokumentiert. Unterzeichnende des Papiers der Stuttgarter SO geben, soweit es sich um Mitarbeiter handelt, alle Eigentumsrechte an der „Staff-Akte“ auf.


„Staff-Akten“ können nach deutschem Arbeitsrecht als Personalakten angesehen werden.


„Studenten-Akten“

Die SO führt Akten über absolvierte Kurse und Seminare der Mitglieder. Bei eventuellen späteren Streitigkeiten könnten die wohl in der Akte abgelegten „Erfolgsberichte“ von Bedeutung sein. Die Erfahrung zeigt: Sollte ein Mitglied wegen Unzufriedenheit in Bezug auf versprochene Ergebnisse Geld zurückfordern, könnte die SO im Gegenzug die einst von dem Scientologen verfassten „Erfolgsberichte“ mit dem Argument vorlegen, er bzw. sie habe sich doch zufrieden gezeigt. Hierzu wäre zu sagen, dass die SO nur positive „Erfolgsberichte“ für einen Kursabschluss akzeptieren will.


Mit Unterzeichnung des Papiers der Stuttgarter SO geben die Betreffenden alle Eigentumsrechte an ihren „Studenten-Akten“ auf.


„Auditing-Akten“

„Auditing“ ist die zentrale Fragetechnik der SO zur Persönlichkeitsveränderung und zur Kontrolle der Mitglieder. In diesen Sitzungen, bei denen in der Regel eine Art einfacher Lügendetektor („E-Meter“) zum Einsatz kommt, können die intimsten Lebensbereiche der Betroffenen ausgeforscht werden. Es ist bekannt, dass hierbei Protokolle geführt und in Akten abgelegt werden. In dem Papier des Stuttgarter SO-Vereins werden die betreffenden Akten „PC-Akten“ genannt; „PC“ steht dabei für „Preclear“, was in etwa der „zu Auditierende“ bedeutet. Hierzu heißt es in dem Papier der Stuttgarter SO, dass es sich bei den Aufzeichnungen auch um „religiöse oder philosophische Überzeugung“ oder Informationen bezüglich „Gesundheit oder Intimsphäre handeln“ kann.


Was in dem Papier nicht erwähnt wird, aber auf der Hand liegt: Da im Auditing häufig Konflikte abgearbeitet werden, ist damit zu rechnen, dass dabei beinahe zwangsläufig auch das Verhalten von Nichtscientologen thematisiert wird, zum Beispiel von Familienangehörigen, die Scientology nicht selten ablehnen. Insoweit ist es gut möglich, dass sich in Auditing-Protokollen auch die personenbezogenen Daten von Außenstehenden befinden.


Die SO sichert in dem Papier zu, die Vertraulichkeit dieser Informationen zu wahren und sie unter Verschluss zu halten. Am Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen bestehen aber Zweifel:

-  In einigen bekannten Fällen verwendete die SO sensible persönliche Interna, möglicherweise auch aus „Auditing“-Sitzungen, gegen die Betroffenen, nachdem sich diese offen gegen die Organisation gestellt hatten. So versuchte die SO im Jahr 2009, einen hochrangigen Aussteiger mit dem öffenlichen Vorwurf sexueller Verfehlungen zu diskreditieren. [Hierzu Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2009, S. 286.]

- Es liegt auf der Hand, dass sich Scientologen durch die Preisgabe intimster Details aus ihrem Leben erpressbar machen können. §  Es existieren Fotografien, nach denen zumindest in den USA „Auditing“-Sitzungen von SO-Funktionären an einem Monitor überwacht und mitgehört wurden. [So zum Beispiel in Ausgaben der SO-Zeitschriften „Highwinds“ oder „Source“.]

-  Die SO lagerte bzw. lagert „Auditing-Akten“ von Scientologen in ihrer Dienstleistungszentrale „Flag“ in Clearwater/USA relativ offen wie in einem großen Lager, vergleichbar etwa dem Warenlager eines Möbelhauses – es erscheint bezeichnend, dass dieses Lager Scientology-intern tatsächlich „warehouse“ genannt wird. [Ebenda.] Insofern stellt sich die Frage, ob die SO die Vertraulichkeit der „Auditing-Akten“ zumindest bei den Kunden von „Flag“ objektiv gewährleisten kann.
 
Hierzu wäre zu ergänzen, dass die „Auditing-Akten“ an SO-Niederlassungen im Ausland zur Auswertung übermittelt werden, wenn Scientologen dort bei den „Fortgeschrittenen Organisationen“ der SO („Advanced Organizations“) hohe Stufen durch „Auditing“ erlangen wollen. Die Ausführungen der Stuttgarter SO bestätigen auch diese Praxis.


Schwer wiegt, dass Unterzeichnende gemäß dem Schreiben alle Eigentumsrechte an der „Auditing-Akte“ aufgeben sollen – selbst nach einem Austritt: Sie erklären, „keinerlei Eigentumsrechte bezüglich der PC-Akten (…) und ihrer sonstigen Inhalte in Form von Notizen, Unterlagen oder sonstigen Aufzeichnungen“ zu haben und auch nicht „jemals geltend machen“ wollen. Zudem „werde ich niemals verlangen, die Inhalte meiner ,PC-Akten‘ insgesamt oder in Teilen einzusehen oder darüber informiert zu werden …“ Dies gilt auch „in dem Fall eines womöglichen späteren Austritts aus der Scientology Kirche oder meiner potenziellen Abkehr oder Distanzierung von der Scientology Kirche …“

Darüber hinaus erklären sie ihre Zustimmung dazu, dass die Auditing-Akten selbst nach ihrem Tod weiter bei der SO aufbewahrt werden sollen und ins Ausland weitergeleitet werden dürfen. Die Erklärung beinhaltet zudem den Passus, dass auf „diese Akten niemals“ irgendeine Person außerhalb der SO „Zugriff auf deren Informationen und Inhalte“ erhalten soll. Damit soll offensichtlich nach dem Tod eines Scientologen möglichst allen Versuchen (scientologykritischer) Hinterbliebener ein Riegel vorgeschoben werden, Zugang zu sensiblen Aufzeichnungen des Verstorbenen zu erlangen – auch wenn die darin gespeicherten Informationen ihre eigene Person betreffen sollten.


„Ethik-Akten“

Scientologen sind gehalten, über von der SO-Norm abweichendes Verhalten anderer Scientologen, aber auch Außenstehender, sogenannte Wissensberichte („Knowledge Reports“, KR) zu fertigen. Ein Versäumnis kann gemäß der organisationsinternen Richtlinien dazu führen, dass der Betroffene bei Sanktionen als „Mitschuldiger“ behandelt wird. Die „Wissensberichte“ werden in „Ethik-Akten“ abgelegt. Sie können darüber hinaus auch online an die SO-Zentrale in den USA versandt werden. Insoweit wäre denkbar, dass zu einer Person mehr als eine „Ethik-Akte“ existiert.


Das Papier der Stuttgarter SO-Niederlassung bestätigt das insofern, als ausgeführt wird: Eine „Ethik-Akte“ ist eine Handakte, in der „Berichte in Form von Kritik oder Belobigung über mein ethisches Verhalten in Beachtung oder Verletzung des kirchlichen Regelwerks“ sowie „Dokumente über eventuell durchgeführte innerkirchliche Disziplinarmaßnahmen“ gespeichert werden. Ein „Disziplinarausschuss“ darf die Akte bei der Entscheidungsfindung über Sanktionen einsehen.

Die Mitglieder besitzen auch an ihren „Ethik-Akten“ oder deren Inhalten „keine Eigentumsrechte“ und dürfen sie lediglich einsehen. Dagegen räumt sich die SO das Recht ein, auch diese Akten an andere Scientology-Instanzen im Ausland zu übermitteln.


Im Hinblick auf die angebliche Verschwiegensheitspflicht kann dasselbe wie in Bezug auf die „Auditing-Akten“ gesagt werden. Zum Begriff „Ethik“ lässt sich ergänzen, dass die SO darunter etwas gänzlich anderes die nichtscientologische Außenwelt versteht. „Ethik“ in ihrem Sinne bedeutet: Optimales Überleben, Durchsetzung von Scientology und die Beseitigung von „Gegenabsichten“.

Die Akten des OSA

Eine besondere Art von Scientology-Akten wird in dem Schreiben der Stuttgarter SO nicht erwähnt: die geheimen Akten des „Office of Special Affairs“ (OSA), des geheimdienstartigen Netzwerks der SO. Das OSA führt als besonderer Bereich von Scientology offensichtlich Akten über Kritiker und Gegner. In der Vergangenheit wurden dem Verfassungsschutz fallweise derartige Akten bzw. Aktenteile bekannt. Es handelte sich im Wesentlichen um Berichte, teilweise Zeitungsberichte mit Bezug zu Kritikern, die in den Akten des OSA abgelegt worden waren. Dabei hatten OSA-Mitarbeiter Querverweislisten über alle relevanten Personen angelegt, die in dem jeweiligen Bericht genannt waren. Mehrfertigungen der Berichte wurden dann offenkundig jeweils in den Akten zu den betreffenden Personen abgelegt, was den Schluss zulässt, dass die SO über eine große Zahl von Kritikern Informationssammlungen angelegt haben dürfte. Darüber hinaus erfolgten im Einzelfall Ausforschungen bei besonders profilierten Kritikern, etwa die fotografische Abklärung einer Person, ihres Kfz sowie ihres Wohnhauses. Im Einzelfall konnten auch Aufträge zur Abklärung des persönlichen und beruflichen Umfeldes eines Kritikers erfolgen – bis hin zum Durchsuchen des Papiermülls nach verwertbaren Informationen.
Hierzu wäre zu sagen, dass diese konkreten Belege für die Tätigkeit des OSA inzwischen lange zurückliegen. Seit Beginn der SO-Beobachtung gab und gibt es aber immer wieder Anhaltspunkte dafür, dass das OSA die Praxis, zielgerichtet Informationen über Kritiker und Gegner zu sammeln und belastende Informationen dann möglichst gegen sie zu verwenden – sei es durch Schmähungen, Propagandaaktionen oder gerichtliche Verfahren – nie aufgegeben hat.


Bewertung und Fazit


Selten dürfte es zwischen Überschrift und Inhalt eine solche Kluft geben wie bei der Erklärung der Stuttgarter SO zum angeblichen „Schutz der religiösen Privatsphäre“. Hier kann im Ergebnis vom Gegenteil gesprochen werden: Eine nahezu hemmungslose Datenverwertung unter der Behauptung der Religionsausübung bei nahezu völliger Aufgabe der informationellen Selbstbestimmung ihrer Mitglieder.
Daher ist die Erklärung in datenschutzrechtlicher Hinsicht bedenklich. Allerdings willigt der Betroffene in die Verarbeitung seiner Daten durch die SO ein. Sinn und Zweck des Datenschutzes ist es, dass jeder Mensch grundsätzlich selbst über die Verwendung und Preisgabe seiner Daten bestimmen soll. Dementsprechend obliegt es dem Betroffenen, darüber zu entscheiden, wie mit seinen Daten umgegangen werden soll. Wenn er nun eigenverantwortlich der Erklärung der SO zustimmt, verzichtet er auf sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Er entscheidet sich gegen die Wahrnehmung seines Grundrechts und für die Verarbeitung seiner Daten durch die SO.
Dennoch sollte weiterhin Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, wie Scientology hierzulande mit den personenbezogenen Daten ihrer Mitglieder umgeht. In der Vergangenheit hat die SO schon fallweise Probleme in anderen europäischen Staaten wegen der dortigen Datenschutzbestimmungen bekommen.
Das Fazit könnte letztlich auf eine Frage reduziert werden: Wozu hat eine Organisation, die von sich behauptet, eine friedfertige Religionsgemeinschaft zu sein, Derartiges nötig?