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IGMG bestätigt Kemal ERGÜN im Amt des Generalvorsitzenden

Islamismus
    10 | 2016

Am 15. Mai 2016 hielt die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) in Anwesenheit von 1.080 Delegierten in Hagen ihre 9. Hauptversammlung ab. Bei der Veranstaltung wurden der Tätigkeitsbericht und die Jahresbilanz 2015 präsentiert. Der seit fünf Jahren amtierende Generalvorsitzende Kemal ERGÜN, ein in Istanbul und Kairo ausgebildeter Theologe, wurde für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Dem Vorstand gehören weiterhin Generalsekretär Bekir ALTAS sowie die stellvertretenden Vorsitzenden Hakki CIFTCI, Murat ILERI und Fatih KOYUNCU an.

Anlässlich der Versammlung hielt ERGÜN eine Rede, in der er zunächst auf die dynamische Entwicklung der Gemeinschaft hinwies, die seit ihrer Gründung anhalte und maßgeblich der Jugend zu verdanken sei. Heute eröffne die IGMG „fast jeden Monat in den großen Städten Europas prächtige Moscheen.“ Das einzige Kapital der Menschen, die bisher für die IGMG tätig gewesen seien, habe in deren „Aufrichtigkeit und Opferbereitschaft“ bestanden. Diese Menschen hätten den Samen gesät, aus dem ein riesiger Baum gewachsen sei. Ihre Arbeit sei „die Quelle unserer Gemeinschaft“, die sich nie ihren Werten entfremdet habe. Der Ausgangspunkt für die Motivation, die der Tätigkeit für die Gemeinschaft zugrunde liege, sei
 
„das Bewusstsein, dass der Islam alle Bereiche des Lebens umfasst. Für uns ist die Religion das Leben an sich. Aus diesem Bewusstsein heraus und aus der Gnade Allahs ist unsere Gemeinschaft überall ein Vorbild für gute Werke. Mit unseren Gemeinden, Bildungszentren und Privatschulen werden wir auch weiterhin eine vorbildliche Gemeinschaft sein – von Norwegen bis Australien, von Kanada bis Italien und vom Balkan bis Südafrika.“
 

Mit diesen Worten untermauerte ERGÜN ein weiteres Mal den umfassenden und keinesfalls auf den kultischen Bereich beschränkten Geltungsanspruch der Religion.
 
Im weiteren Verlauf der Rede fasste ERGÜN den aktuellen Stand bezüglich der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder der Organisation zusammen. Als Bereich, der noch zu wünschen übrig lasse, nannte er die politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Teilhabe in den Staaten, in denen die IGMG vertreten ist. Hier befinde man sich noch nicht auf dem gewünschten Niveau. Die Phase des Kennenlernens, etwa von Vertretern der politischen, zivilen und religiösen Organisationen, müsse nunmehr abgeschlossen sein. Vielmehr gehe es jetzt um die Teilhabe der Muslime „in Stadträten, Parteien, Gewerkschaften und Vereinen, ja sogar in den regionalen und nationalen Parlamenten.“ Nur durch aktive Teilhabe könne man „mit unserer muslimischen Identität zum Gemeinwohl beitragen und das Wesen des Islams sichtbar machen“.
 

Der zweite Bereich, in dem man die Aktivitäten vorantreiben müsse, sei die Organisation an den Universitäten. Ziel sei es, als Gemeinschaft an jeder Universität vertreten zu sein. In jeder Stadt mit muslimischen Studierenden müsse es „Irfan-Häuser“ geben – eine Form studentischer Wohngemeinschaften Gleichgesinnter, die die IGMG seit einigen Jahren in Universitätsstädten betreibt.
 
„Maßstäbe des Islams einhalten“
 
Drittens müsse sich in den eigenen Reihen die Einstellung gegenüber den Frauen ändern. Die Frauen hätten zur Entwicklung der Gemeinschaft beigetragen und müssten daher in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden. „Wir müssen unseren Schwestern die ihnen gebührende Position in unseren Gemeinden geben und sie zum Dienst für die Umma [Weltweite Gemeinschaft der Muslime] motivieren. Zugleich sollten wir, als islamische Religionsgemeinschaft, während der Zusammenarbeit von Mann und Frau die Maßstäbe des Islams einhalten.“ Mit der letztgenannten Forderung spielte ERGÜN auf die auf religiösen Vorgaben basierenden Umgangsregeln an, die sich insbesondere in der konsequent umgesetzten Geschlechtertrennung niederschlagen.
 
Als weitere bedeutende Aufgabe benannte ERGÜN die „Ausbildung theologisch versierter Meinungsführer“. Diese sei notwendig, um
 
„den Islam angemessen zu präsentieren und die Rechte der Muslime würdig zu vertreten. Wir brauchen Theologen, die aus unserer Mitte stammen, um unsere Probleme selbst zu lösen. Denn wieso sollen wir unsere islamrechtlichen Fragen muslimischen Fachleuten stellen, die unseren Kontext nicht kennen?“
 
Ein innerer Widerspruch wird hier insoweit sichtbar, als die IGMG einerseits einen allgemeinen Vertretungsanspruch in Bezug auf Muslime insgesamt erhebt, andererseits jedoch eine offenkundige Skepsis gegenüber Positionen von Muslimen außerhalb des eigenen Spektrums erkennen lässt.
 
Wie ERGÜN ausführte, soll der Bereich der Wohlfahrtsarbeit gestärkt werden, der nach seinen Worten weiterer Institutionalisierung bedarf. Die angebotenen sozialen Dienste sollten demnach „noch systematischer und umfassender“ gestaltet werden.
 
Schließlich lenkte der IGMG-Generalvorsitzende den Blick auf Hürden und Schwierigkeiten, denen man sich als Organisation ausgesetzt sehe. An erster Stelle wurde die „immer aggressiver werdende Islamfeindlichkeit bzw. der Rassismus“ beklagt, die sich am deutlichsten in Anschlägen auf Moscheen niederschlage. Rassismus und Islamfeindlichkeit seien eine Bedrohung nicht nur für Muslime, sondern für die gesamte Gesellschaft. Die IGMG stehe für die Rechte der Muslime ein und werde nach Lösungen suchen. Im Rahmen des Einsatzes für den gesellschaftlichen Frieden sei man bereit, mit politischen und religiösen Akteuren zusammenzuarbeiten:
 
„Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, solange dies mit unserer Religion vereinbar ist. Denn von unseren Glaubensgrundsätzen und unserer Religionspraxis werden wir nicht ablassen.“
 
In diesem Zusammenhang sprach ERGÜN auch „neue Formen des Extremismus“ an, die sich in „Randgruppen mit einem verzerrten Islamverständnis“ manifestierten und ihre Identität aus ihrer Radikalität bezögen. Die IGMG als eine der Tradition verpflichtete Gemeinschaft habe eine klare Haltung bezüglich Gruppen, die mitten in Europa und in anderen Teilen der Welt Terror verbreiteten. Konkretisiert wurde diese klare Haltung nicht; es blieb bei einer verbalen Distanzierung von Extremismus und Hass sowie der Verurteilung von „Unterdrückung, Besetzung, Terror und Krieg. Wir setzen uns ein für Toleranz, Gerechtigkeit, Einigkeit und Frieden.“ Schließlich rühmte der Generalvorsitzende die Moschee an sich als Schutzschild gegen extremistische Einstellungen: „Wer von der Kinderwiege bis ins Grab im Umfeld der Moschee aufwächst und Teil der Gemeinschaft ist, ist gegen Extremismus geschützt“, lautet sein Resümee, gefolgt von der Mahnung, wachsam gegenüber denjenigen zu bleiben, „die unsere Jugendlichen radikalisieren möchten.“
 
Die selbstbewusste Rede des Generalvorsitzenden kulminiert im Schlusswort, insbesondere in der Passage an die „jungen Geschwister“ in der Beschreibung des Organisationsangehörigen als Träger besonderer Verantwortung und der Moschee als zentralem Ort der Wissensvermittlung:
 
„Ein junger Mensch in der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs ist jemand, der schon in jungen Jahren große Verantwortung trägt. Er ist jemand, der mit vollem Einsatz und von ganzem Herzen für seinen Glauben und seine Ideale eintritt. Mit dem Wissen und dem Glauben, die ihr in der Moschee erhalten habt, und eurem schönen Charakter folgt ihr dem Weg der Mitte, fernab von extremen Einstellungen. Ihr nehmt euren Platz in der ersten Reihe der Gesellschaft ein. Das Studium reicht euch nicht, ihr setzt eure akademische Karriere fort, um noch mehr Gehör zu finden. Zugleich seid ihr auch aktiv in eurer Gemeinde. Denn Wissen ist eine Gabe und gleichzeitig eine Prüfung. Wissen bedarf der Umsetzung.“