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Rechtsextremistische Fantasien: ein neues Europa

Rechtsextremismus
    10 | 2016

Wenn man die gesellschaftspolitischen Verhältnisse nicht ändern kann, erschafft man sich eben neue – so lässt sich der Leitgedanke einer Idee zusammenfassen, die in Ausgabe 3/2016 der rechtsextremistischen Zeitschrift „Volk in Bewegung“ vorgestellt wurde: die Gründung von „Nova Europa“. Demnach könnte sich ein neuer „Ethnostaat“ mit ausschließlich weißen Bewohnern quasi aus dem Nichts auf einem geeigneten Territorium dieses Planeten entwickeln. In dem ausführlichen Leitartikel wird „Nova Europa“ als „durchaus kein unmögliches Unterfangen“ dargestellt, das auf einem baldmöglichst einzuberufenden „großen Kongress(…) mit Vertretern aller pro-weißen Verbände“ diskutiert werden solle.

Vorbild des Autors, eines Rechtsextremisten aus Baden-Württemberg, ist ausgerechnet der „erste zionistische Weltkongress von 1897“, der als Erfolgsmodell beschrieben wird, weil er in die Gründung des Staates Israel mündete. Ausgangspunkt der Idee von „Nova Europa“ ist die Überzeugung, dass es nicht möglich sei, die weiße Bevölkerung vor rassisch-ethnischer Vermischung mit Zuwanderern und schließlich vor ihrem Untergang zu bewahren, zumal ein Großteil der Weißen gar kein Bewusstsein für diese Bedrohung habe oder sie gleichgültig hinnehme.
 
Anders als Israel im vorigen Jahrhundert soll der neue Staat in einem Landstrich errichtet werden, der entweder kaum besiedelt ist oder in dem keine Verdrängung einer anderen Ethnie stattfinden muss, die dann wie die Palästinenser zum Feind werden könnte. Als geeignet werden einige Staaten Nordamerikas mit über 90-prozentiger weißer Bevölkerung sowie Regionen etwa im Osten und Norden Europas angeführt. Auch sei zu überlegen, ob statt eines einzigen Staates mehrere Teilstaaten errichtet werden sollten: ein „Nordweststaat“ (heutiges Alaska, Kanada, Teile der USA) für die Bevölkerung Nordwesteuropas, ein „Nordstaat“ (Territorium Polens und Ungarns) mit Menschen aus diesen Ländern sowie Russland und schließlich ein „Südstaat“ für Südeuropäer.
 
„Aktive Biopolitik“
 
Für das Überleben dieser Kolonie wären – dies will man interstellarer Raumforschung über die Besiedlung und das Überleben von Menschen auf anderen Planeten entnommen haben – als „Gründungspopulation“ 14.000 bis 44.000 Menschen ausreichend. Diese Zahl ließe sich nach Ansicht des Autors leicht erreichen, da die Attraktivität der neuen Siedlungen eine Sogwirkung entfalten würde – in wachsendem Maße wie die Herkunftsländer im Chaos versänken.
Der Nachwuchs im „Ethnostaat“ würde „frei von Schuldkomplexen erzogen“. Weitere Pfeiler dieses Gemeinwesens seien „aktive Biopolitik (…), d.h. eugenische Langzeitprogramme“, ein „obligatorischer Wehrdienst“ und ein „Arbeitsdienst für junge Erwachsene“.
Die Fotos, mit denen der Artikel illustriert ist, machen deutlich, welche Weltanschauung diesem Plan zugrunde liegt:
 
Ein „ernstzunehmendes Risiko“ für das Projekt sei indes der „moralische(…) Universalismus“ insbesondere der „Nordwesteuropäer“. Es stehe zu befürchten, dass sich das „Langzeitgift der christlichen Moral“ in dem Maße, wie der Niedergang der ehemaligen „Industriegesellschaften in Europa und Übersee“ voranschreite, Bahn breche und Forderungen laut würden, man möge sich den „Ärmsten der Armen“ öffnen.
Solche Fragen seien ebenfalls auf dem Kongress zu erörtern. Fest stehe, dass die Zeit dränge und nicht alle Weißen gerettet werden könnten. Insbesondere diejenigen, die in einer „suizidalen, weil anti-ethnischen Weltanschauung“ oder in gleichgültiger Apathie gefangen seien, würden den „evolutionären Flaschenhals“ Richtung „Nova Europa“ nicht passieren können.
 
Auf eine „radikale Kehrtwende“ im heutigen Europa brauche man nicht zu hoffen. Allenfalls ein Wahlerfolg einer „dezidiert rechten Partei“, etwa in Osteuropa, könne einen Dominoeffekt mit „immenser Wirkung“ auslösen.
 
Nach dem eingangs genannten Kongress solle eine „Kolonisierungsgesellschaft“ gegründet werden, die folgendermaßen agiere:
 
   Spendensammlungen
   Landkauf im Zielgebiet
   Festlegung von Geschäftsmöglichkeiten ebendort
   Schaffung von Arbeitsplätzen
   Organisation des Einwanderungsprozesses
 
Der Autor des Artikels ist ein seit Jahren bekannter Rechtsextremist, der aus Baden-Württemberg stammt und gegenwärtig in Heidelberg lebt und studiert. In den letzten Jahren veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln unter Pseudonym – so wie auch jetzt – in „Volk in Bewegung“. Unter seinen Buchveröffentlichungen ist ein 2013 erschienener „Zukunftsroman“ erwähnenswert. Darin beschreibt er die dystopische Gesellschaft in Europa, aus der Weiße nach Neuseeland fliehen, um dort das Überleben der Rasse zu sichern.
 
Das Szenario einer aus dem Ruder laufenden Gesellschaftsordnung durch die „Überflutung“ mit Migranten ist eine der Grundüberzeugungen der meisten Rechtsextremisten. Während diese um den Erhalt einer homogenen Gesellschaft auf hiesigem Territorium kämpfen, stellt der Artikel als Ausweg die Aufgabe des Heimatkontinents, Flucht und Neuanfang ernsthaft zur Diskussion. Die Veröffentlichung in der Zeitschrift und die Planung eines Kongresses sollen offensichtlich einen weitaus größeren Personenkreis erreichen, als dies mit dem Buch allein bisher möglich war.