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Sexuelle Versklavung als Strategie des „Islamischen Staats“

ISLAMISMUS     11 | 2017

Mit der Versklavung von tausenden Frauen und Kindern der religiösen Minderheit der Jesiden im Nordirak verfolgt die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) eine perfide Strategie. Durch den institutionalisierten und vermeintlich religiös legitimierten Verkauf junger Frauen als Kriegsbeute schafft der IS neue Anreize für seine Kämpfer, inszeniert sich als gottgefälliger Ordnungsbringer in allen Lebensbereichen und propagiert die Wiedereinführung der Sklaverei als Zeichen der nahenden Endzeit.
 
Die UN-Sonderbotschafterin für die Würde von Opfern des Menschenhandels, Nadia Murad, hielt am 1. Dezember 2016 im baden-württembergischen Landtag eine Rede, in der sie an den Völkermord und die IS-Verbrechen gegen die Menschlichkeit an den Jesiden erinnerte. Im August 2014 hatten die Jihadisten das Siedlungsgebiet der Jesiden im Schingal-Gebirge überfallen, alle erwachsenen Männer ermordet und über 6.000 Frauen und Kinder verschleppt. Die Frauen wurden – und werden mehrheitlich immer noch – systematisch als Sexsklavinnen für IS-Kämpfer gehandelt, die jüngeren Kinder wurden jihadistisch indoktriniert und zu Kindersoldaten ausgebildet. Bis heute konnte weniger als die Hälfte der Frauen und Kinder fliehen oder freigekauft werden.

Weltgeschichtlich betrachtet ist sexuelle Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen keine neue Methode der psychologischen Kriegsführung. Für den Phänomenbereich Islamismus zeigt sich in der Versklavung „ungläubiger“ Frauen jedoch ein neuer Aspekt, den islamistische Organisationen wie die „Muslimbruderschaft“ oder „al-Qaida“ auf offizieller Linie bisher nie befürwortet haben. Es lohnt sich daher ein Blick auf die Art und Weise, wie der IS sein perfides System der institutionalisiert-geförderten Vergewaltigung religiös zu legitimieren versucht und welche Ziele er damit verfolgt.


Konstruierte theologische Begründungen


Mit dem Artikel „Die Wiedereinführung der Sklaverei vor der [letzten] Stunde“, erschienen in der September-/Oktoberausgabe 2014 des mehrsprachigen IS-Propagandamagazins „Dabiq“, bekannte sich der IS erstmals medial zu seiner programmatischen Vorgehensweise. Im Text sind drei ineinander verwobene Aspekte zu erkennen:

 
-  Erstens wird versucht, das Prinzip der Sklaverei als genuin islamisch zu legitimieren und religionsrechtlich zu verankern. Dessen Wiedereinführung wird als gottgewollte und historisch einmalige Errungenschaft des IS dargestellt. Wer dieses Prinzip jedoch ablehnt, verneint nach IS-Ansicht auch die Bestimmungen der Scharia und ist demnach ein Apostat.
 -  Zweitens werden die jesidischen Frauen und Kinder als „Teufelsanbeter“ (ein in der muslimischen Welt weitverbreitetes Vorurteil, da die Gestalt des gefallenen Engels im Jesidentum eine zentrale, jedoch positiv und als „gut“ gewertete Rolle spielt) zur Kategorie der rechts- und schutzlosen Polytheisten gezählt, die bedenkenlos getötet und versklavt werden dürften.
 -  Drittens wird die Wiedereinführung der Sklaverei nach einer alten Überlieferung als Zeichen der nahenden Endzeit gedeutet. Somit erhält die Versklavung der Jesidinnen eine religiös-eschatologische Bedeutung: Je mehr Frauen versklavt werden, desto näher rückt der Sieg über die „Ungläubigen“.
 
Die Interpretation von hierfür herangezogenen Koranversen und Überlieferungen erscheint insgesamt jedoch erzwungen und konstruiert, umständlich und wenig überzeugend. Offensichtlich richtet sie sich eher an theologische Analphabeten, die durch die Vorstellung von persönlichen Sklavinnen als Kriegsbeute und einen endzeitlichen Abenteuergeist angesprochen werden sollen. Einem Prophetenausspruch zufolge soll z. B. eines dieser Zeichen der Stunde sein, dass „das Sklavenmädchen ihre Herrin gebiert“. Ähnlich kryptisch heißt es auch, dass die Römer an der endzeitlichen großen Schlacht in der Ortschaft Dabiq (heutiges Syrien) den Muslimen zurufen werden: „Lasst uns und diejenigen, die von uns versklavt wurden, so dass wir sie bekämpfen können“. Die Peterskirche in Rom, über der eine schwarze IS-Flagge weht, wurde sicher auch in diesem eschatologischen Kontext als Titelbild dieser „Dabiq“-Ausgabe gewählt.


Im November 2014 veröffentlichte die „Abteilung für Wissenschaft und Rechtsgutachten“ des IS das arabischsprachige Pamphlet „Fragen und Antworten zum Gefangennehmen von Sklavinnen“. Vermutlich hatte zuvor die Versklavung der jesidischen Frauen und Kinder innerhalb der sunnitischen Bevölkerung die Frage aufgeworfen, ob dies tatsächlich dem Willen Gottes entspreche, da nach allgemeiner und führender theologischer Auffassung Sklaverei im Islam bisher als verboten galt.


27 Fragen und Antworten sollen daher Zweifel beseitigen und den Umgang mit Sklavinnen erläutern. So ist unter anderem zu lesen, dass sogar Geschlechtsverkehr mit Mädchen erlaubt sei, die noch nicht die Pubertät erreicht haben, „wenn sie dafür geeignet sind“ – wenn nicht, könne ihr Besitzer sie „ohne Geschlechtsverkehr genießen“.


Sklavinnen könnten beliebig gekauft, verkauft oder verschenkt werden, da sie lediglich als Besitzgegenstände gelten würden. Auch sei es ausdrücklich erlaubt, sie als Disziplinarmaßnahme zu schlagen. Verboten seien hingegen Schläge aus purer Genugtuung ins Gesicht oder Folter, wobei nicht näher ausgeführt wird, was hierunter zu verstehen ist. Zudem strebt der IS danach, sich als besonders moralische Instanz zu präsentieren, wenn es um das Verbot geht, mit zwei Schwestern oder mit Mutter und Tochter Geschlechtsverkehr zu haben: Der Besitzer müsse sich hierfür eine der Frauen aussuchen.


Ein drittes offizielles Dokument zum Umgang mit Sklavinnen ist ein Rechtsgutachten, erlassen im Januar 2015 vom Fatwa-Komitee des IS. Als Anlass werden diesbezügliche Verstöße gegen das geltende Scharia-Recht genannt. Die aufgelisteten 14 Verbote sollten den Umgang mit Sklavinnen endgültig auf eine geregelte Basis stellen. Neben der nochmaligen Verbotsbetonung bezüglich des Geschlechtsverkehrs mit Schwestern sowie Müttern und Töchtern wird es u. a. untersagt, Kinder von ihren Müttern zu trennen, Geschlechtsverkehr mit menstruierenden oder schwangeren Frauen zu haben, letztere zum Abbruch der Schwangerschaft zu zwingen oder bestimmte Sexualpraktiken zu vollziehen, die als unrein gelten. Ferner soll der Besitzer Mitgefühl mit seiner Sklavin zeigen, sie gut behandeln und nicht an jemanden verkaufen, von dem auszugehen ist, dass er schlecht mit ihr umgehen wird.


Allen drei Schriftstücken ist der Versuch gemein, die Sklaverei von tausenden Frauen und Kindern als schariakonform darzustellen. Vergewaltigungen von „ungläubigen“ Frauen werden damit religiös legitimiert und der rechtliche Rahmen dessen, was als erlaubt und verboten gilt, genauestens definiert. Wie bei allen anderen Lebensbereichen soll auch hier der Eindruck entstehen, dass anstelle menschlicher Willkür eine gerechte göttliche Ordnung etabliert wird.


Regeln vs. Wirklichkeit


In der Realität zeigt sich ein düsteres Bild, denn in der Praxis finden weiterhin Rechtsverstöße gegen die vorgeschriebene Behandlung von Sklavinnen statt, die nicht in gleichem Maße wie Eigentumsdelikte und Moralvergehen geahndet werden. Die präsentierten Regularien entpuppen sich somit als fadenscheiniger Versuch, Recht und Ordnung zu suggerieren, de facto finden sie jedoch wenig Beachtung.


So ist das jüngste bekannte Vergewaltigungsopfer ein gerade einmal achtjähriges Mädchen, das mehrmals verkauft wurde. Nicht selten wurden junge Mädchen einfach ihren Müttern entrissen. Andere Frauen wurden sogar bis zu 40-mal an andere Käufer weitergehandelt und vergewaltigt, auch von mehreren Männern kurz nacheinander oder gleichzeitig sowie in jeder – auch in der vom IS offiziell verbotenen – Art. Einige Opfer berichten von Bordellen, in denen die jesidischen Frauen festgehalten und kontinuierlich verkauft wurden.


Auch der beliebige – und teils mit perfiden Methoden wie Münzwerfen ausgemachte – Tausch von mehreren Schwestern unter den IS-Kämpfern zeigt klar, dass die offiziell auferlegten Regeln keine Beachtung finden. Hinzu kommen gezielte Demütigungen, Nahrungsentzug, der Einsatz von betäubenden oder euphorisierenden Drogen sowie Folter u. a. mit Stöcken, dicken Plastikschläuchen, Elektroschocks, Säure oder das Zufügen von Verbrennungen am ganzen Körper.


Zusammenfassend betrachtet scheint die Wiedereinführung der Sklaverei und deren mediale Vermarktung einerseits eine gezielte Propagandafunktion zu erfüllen, andererseits werden die versklavten Frauen als gesellschaftliche Ressource des IS missbraucht. Die Vorstellungen, als Kriegsbeute eine oder mehrere Sklavinnen zu erhalten, kann gerade für finanziell mittellose Männer aus traditionell-patriarchalischen Gesellschaften, die sich keine Heirat leisten können, als zusätzlicher Anreiz dienen, sich dem IS anzuschließen. Insoweit ist es denkbar, dass sich der Verkauf von Sklavinnen auch gesellschaftlich stabilisierend für den IS auswirkt: Er kann sich als gottgefälliger „Wohlfahrtsstaat“ präsentieren, der für die Erfüllung der Bedürfnisse seiner männlichen Bevölkerung sorgt.


Aus propagandistischer Sicht geriert sich der IS damit auch als umfassender Ordnungsbringer, der sogar die vermeintlich gottgewollte, jedoch in Vergessenheit geratene Sklaverei wieder einführt und gemäß dem Scharia-Recht regelt. Hinzu kommt schließlich die Darstellung der Sklaverei als endzeitliches Zeichen, das den nahenden Endkampf zwischen Muslimen und „Ungläubigen“ verheißt – und damit entsprechende Vorstellungen sowie die emotionale Hingabe der IS-Kämpfer zu verstärken vermag.


Am Ende ihrer Rede im Landtag mahnte Botschafterin Murad, dass sich noch immer zwischen 3.000 und 3.400 Frauen und Kinder in der Gewalt des IS befänden, täglich missbraucht würden und nicht in Vergessenheit geraten dürften. Zugleich drückte sie ihren Dank an das Land Baden-Württemberg aus, das durch sein humanitäres Projekt „Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“ 1.000 dieser schwer traumatisierten Frauen und Kinder aufgenommen hat – u. a. auch sie selbst.