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Anbahnungsversuche chinesischer Nachrichtendienste in sozialen Netzwerken

Spionageabwehr/Materieller Geheimschutz     2 | 2018

Ausländische Geheimdienste sind in Deutschland nach wie vor sehr aktiv. Ihre Methoden haben sich jedoch geändert: Gerade chinesische Dienste nutzen immer häufiger neue Angriffsstrategien im virtuellen Raum – sowohl zur Abschöpfung von Informationen als auch zur Anwerbung nachrichtendienstlicher Quellen in Deutschland.
 

Die gezielte Durchforstung und Auswertung sozialer Medien gehört längst auch zur Praxis ausländischer Nachrichtendienste. Bekanntermaßen enthalten diese Netzwerke eine Fülle interessanter Informationen zu verschiedenen Sachverhalten und über Einzelpersonen, etwa Details zur Biografie, zur Ausbildung, zur aktuellen beruflichen Tätigkeit und zum sozialen Umfeld der Betreffenden. Nachrichtendienste suchen auch nach Informationen zu wirtschaftlichen Verhältnissen, Gewohnheiten, Hobbys bis hin zu politische Interessen und mehr.
 

Seit etwa zwei Jahren häufen sich bei der Spionageabwehr der Verfassungsschutz-behörden von Bund und Ländern sowie bei westlichen Partnerdiensten Hinweise auf zahlreiche Versuche chinesischer Nachrichtendienste (CND), in sozialen Netzwerken Nutzer als Quellen zu gewinnen. Diese Rekrutierungsmethode ist einfach, kostengünstig und risikoarm. Sie ersetzt aufwendige, risikobehaftete Anwerbungsoperationen in westlichen Zielländern.
 

Bei Aktivitäten dieser Art sind chinesische Nachrichtendienste insbesondere in Netzwerken wie LinkedIn und Facebook aktiv. Zu diesem Zweck haben sie eine Vielzahl sogenannter Fake-Profile eingerichtet, über die eine nachrichtendienstliche Anbahnung erfolgt.
 

ND-Mitarbeiter tarnen sich als Angehörige von Headhunting-Agenturen, Consulting-Firmen und Think Tanks oder als Wissenschaftler.
 

Sie filtern vor allem auf der Karriereplattform „LinkedIn“ für sie interessante Profile heraus. Dabei wählen sie häufig Personen aus, die mit China selbst oder mit für China wichtigen Themen befasst sind, beispielsweise mit Außenpolitik, EU, Wirtschafts- und Währungspolitik, Terrorismus, Uiguren, Tibet oder Territorialkonflikten im Südchinesischen Meer. Bevorzugt gehen sie auf Personen zu, die sich schon einmal in China aufgehalten haben oder die chinesische Sprache beherrschen. Oftmals sind dies Mitarbeiter deutscher und europäischer Behörden, Diplomaten, Bundeswehroffiziere, Wissenschaftler, Mitarbeiter der Zentralbanken, freie Politikberater mit Zugang zu Ministerien und Behörden sowie Studenten und Mitarbeiter deutscher Stiftungen.
 

Die Kontaktaufnahme erfolgt fast ausschließlich in englischer Sprache. Sobald eine kontaktierte Person Interesse zeigt, verläuft die Anbahnung fast immer folgendermaßen: Der chinesische Mitarbeiter des CND bittet die Zielperson nach der Herstellung eines Erstkontakts um ihren Lebenslauf und die Erstellung eines Berichts oder einer belanglosen Analyse, für die sie bezahlt wird. In einem zweiten Schritt täuscht der Werber vor, dass ein vermeintlich wichtiger Kunde in China am Arbeitsgebiet oder der Tätigkeit des Opfers interessiert sei. Angeblich handle es sich bei den „Kunden“ um Regierungsorgane, Staatsbetriebe oder Think Tanks. In China erfolgt dann auch die eigentliche Anbahnung. Der „wichtige Kunde“ tritt allerdings niemals in Erscheinung, er wird auch nicht namentlich benannt. Die Kosten für die Reise übernimmt die chinesische Seite. Im weiteren Verlauf wird die Zielperson aufgefordert, gegen Bezahlung interne, sensible Informationen aus ihrem Arbeitsbereich weiterzugeben. Die Kommunikation wird im Erfolgsfall aus den sozialen Netzwerken in die persönliche Kommunikation verlagert, zum Beispiel auf den Internetdienst Skype oder den Messenger-Dienst WhatsApp.
 

Häufig verhalten sich Zielpersonen sorglos bei der Bestätigung von Kontakten in sozialen Netzwerken. Allerdings entspricht es auch dem Kerngedanken von Karriere-Netzwerken wie LinkedIn, sich zu vernetzen; dies kann aber einen unerwünschten Multiplikator-Effekt zur Folge haben.
 

Aufgrund der massiven Anwerbeversuche verstärkt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) seine Sensibilisierungsbemühungen und steht unter der E-Mail-Adresse Soziale_Netzwerke@bfv.bund.de als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung.
 

Darüber hinaus können sich Hinweisgeber aus Baden-Württemberg unter der Rufnummer 0711/95 44-626 an das vertrauliche Telefon der Spionageabwehr wenden. Selbstverständlich werden sämtliche Angaben vertraulich behandelt.

 
Im Dezember 2017 warnte das BfV vor Spionageversuchen aus China über das soziale Netzwerk LinkedIn. In Chinas Staatsmedien hatten die Vorwürfe eine Welle der Empörung zur Folge. Wie bei entsprechendem Spionageverhalten üblich, erklärten die staatsnahen chinesischen Medien, die Anschuldigungen des deutschen Verfassungsschutzes gefährdeten die Beziehungen zwischen Deutschland und China. Es seien keine Beweise für die Vorwürfe vorgelegt worden und das Land werde daher Gegenmaßnahmen ausarbeiten, um sich gegen die Beschuldigungen angemessen zur Wehr setzen zu können.