Sie sind hier: Startseite > Arbeitsfelder > Islamismus > Archiv > Archiv 2018 > Erziehung auf Salafistisch

Erziehung auf Salafistisch

Islamismus     2 | 2018

Das Thema Erziehung nimmt im Salafismus eine herausragende Rolle ein. In Deutschland kursieren seit einiger Zeit Ratgeber, die salafistische Eltern bei dieser großen Herausforderung unterstützen sollen. Die darin vermittelten Methoden fördern die Indoktrinierung der Kinder und bringen somit eine neue Generation von Extremisten hervor.

 
Ende August 2017 verweigerte das Sächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) der Unternehmergesellschaft „Der Friede für Bildung und Migration UG“ die Betriebserlaubnis zur Eröffnung einer Kindertagesstätte in Leipzig. Bereits 2014 hatte das Landesjugendamt die Initiative der Gesellschaft abgelehnt, die daraufhin zunächst vor das Verwaltungsgericht Leipzig und schließlich das OVG zog. Als problematisch wurde auch der personelle Hintergrund der Antragsteller gesehen: Geschäftsführer der Gesellschaft war zum Zeitpunkt der Antragstellung der salafistische Imam Hassan DABBAGH.

 
Der Versuch der Unternehmergesellschaft zeigt, welchen Stellenwert Erziehung innerhalb des Salafismus einnimmt. Wie alle Islamisten streben Salafisten eine islamische Ordnung an, die alle Lebensbereiche umfasst, also Staat, Politik, Gesellschaft und Kultur. Eine solche islamische Ordnung bedingt wiederum Gemeinschaftsmitglieder, welche die islamischen Normen weiterverbreiten. Dabei spielt die Erziehung der nachwachsenden Generationen eine besonders wichtige Rolle. Das ist selbst bei jihadistischen Akteuren wie dem „Islamischen Staat“ (IS) zu beobachten, vor allem im Zuge seiner Transformation hin zu einem Para-Staat: Je näher man seiner Utopie einer islamischen Gesellschaft kommt, desto wichtiger sind „funktionierende“ und angepasste Gesellschaftsmitglieder, die ihren Ursprung in jeder einzelnen Familie haben. So stellte auch DABBAGH in einem Lehrvideo fest:

 
„Natürlich, der Baustein einer Gesellschaft ist die Familie, und wenn die Familie zerstört wird, dann wird diese Gesellschaft auch nicht weiterleben können.“ [Titel des Videos: „Unsere Verantwortung in der Kindererziehung“, produziert vom As-Sunna-Verlag].

 
Erziehungsratgeber: Salafistische Inhalte

 
In Baden-Württemberg kursierten zuletzt deutschsprachige salafistische Erziehungsratgeber in entsprechenden Moscheen und Vereinen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Bücher wie „Frühkindliche islamische Erziehung. Ein Ratgeber für die ersten fünf Lebensjahre“ [Bin Najmaddin, Umm Safiyyah 2015: Frühkindliche islamische Erziehung. Ein Ratgeber für die ersten fünf Lebensjahre, Düsseldorf.] oder „Wie man den Glauben bei Kindern fördert“ [Utz, Aisha 2011: Wie man den Glauben bei Kindern fördert, Riad.]. Auf den salafistischen Hintergrund der beiden Werke deuten unter anderem inhaltliche Aspekte hin:

 
  Der Islam wird als System dargestellt, das einzig normativ bindend ist. So heißt es bei Aisha Utz, Autorin des zweiten Titels: „Den Kindern sollte gelehrt werden, dass der Islam bzw. ihre muslimische Identität vor allem anderen Vorrang hat.“ [Utz 2011, S. 203.]

 
  Auch das – für Islamisten im Allgemeinen und Salafisten im Besonderen – charakteristische Rollenbild, nach dem die Frau dem Mann untergeordnet ist und ihm Gehorsam erweisen muss, findet sich in den genannten Werken. Utz schreibt zum Beispiel: „Damit die Familie vernünftig funktioniert, muss die Ehefrau ihrem Ehemann gehorchen (…).“ Weiter heißt es: „Den Kindern muss dieses Konzept [Gehorsam gegenüber Eltern/Vater] von jungen Jahren an gelehrt werden.“ [Utz 2011, S. 191.] Und: „Dieses Prinzip ist unerlässlich für das optimale Funktionieren der Gesellschaft.“ [Utz 2011, S. 192.]

 
  Ebenso wird die für Salafisten typische Ablehnung von Musik, Fernsehen und Bildern aufgegriffen. Bint Najmaddin, Autorin des ersten Titels, führt dazu zum Beispiel aus: „Im Islam sind Musik, der Gebrauch von Musikinstrumenten, aber auch Gesang, der von Instrumenten begleitet wird, nicht erlaubt. Ein wahres muslimisches Heim sollte daher frei von diesen Dingen sein, da kein Nutzen in ihnen liegt.“ [Bint Najmaddin 2015, S. 29.]

 
  Charakteristisch ist auch der Fokus auf Koran und Sunna, wobei die Auslegung in fundamentalistischer Weise erfolgt. Das zeigt sich in Aussagen wie dieser zur Zahnpflege: „Es ist empfehlenswert, einen Siwak (Miswak) [Zweig eines bestimmten Baumes] zu benutzen, denn der Prophet (…) tat dies gewöhnlich.“ [Bint Najmaddin 2015, S. 53.] Oder in der Empfehlung zur Sauberkeitserziehung der Kinder: „Falls du einen Jungen hast, solltest du ihn dazu anhalten, im Sitzen zu urinieren, da dies Sunna ist.“ [Bint Najmaddin 2015, S. 55.]   
Relevant sind darüber hinaus die Kapitel über das soziale Umfeld, in denen die Eltern dazu angehalten werden, Einfluss auf den Freundeskreis der Kinder zu nehmen:

           
„Die Eltern sollten jede Anstrengung unternehmen, ihren Kindern dabei zu helfen, Freundschaften mit elterlichen und rechtschaffenen muslimischen Gleichaltrigen zu knüpfen. Es sollten Freunde ausgewählt werden, die an die Prinzipien des Islams glauben, sich daran halten (…).“ [Utz 2011, S. 235.]  
Hier klingt das salafistische Prinzip „al-wala’ wa-l-bara’“ an, das für Loyalität (wala’) gegenüber den Gleichgesinnten und Lossagung (bara’) von Andersdenkenden steht.

 
Erziehungsphilosophie und Methoden

 
Wenngleich die Bücher kaum Inhalte vorweisen, die im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen, ist ihr Potential dennoch nicht zu unterschätzen. Denn die Gefahr der Werke geht vor allem von den Erziehungsmethoden aus, die in ihnen vermittelt werden.
 
Zum einen geht es um die Methoden der Indoktrinierung: Die Eltern erhalten Ratschläge, die dabei helfen sollen, bei den Kindern die salafistische Glaubensvorstellung zu festigen. Hierzu zählt auch das Prinzip „al-wala’ wa-l-bara’“, nach dem sich salafistische Familien von der Mehrheitsgesellschaft abschotten.
Ebenso geht es um die Berücksichtigung von zeitlichen Aspekten. So wird den Eltern empfohlen, möglichst früh mit der Vermittlung von religiösem Wissen zu beginnen. Bei Bint Najmaddin heißt es dazu: „Es ist nie zu früh, dein Kind an den Qur’an heran zu führen, um zu bewirken, dass dieser Teil seines Wesens wird, ohne den es sich unvollständig fühlt.“ [Bint Najmaddin 2015, S. 24.] Utz verweist auf das frühzeitige Eintreten der „Pubertät und das Alter der Mündigkeit“, zuweilen bereits mit acht oder neun Jahren:

 
„Zu dieser Zeit sollten die Kinder bereits über die notwendigen und grundlegenden Werkzeuge verfügen, um als verantwortungsbewusste Muslime zurechtzukommen, zu funktionieren und Entscheidungen treffen zu können.“ [Utz 2011, S. 188]

 
Gleichzeitig propagieren die Autorinnen altersgerechte und spielerische Lernmethoden. Sie empfehlen zum Beispiel „Analogien, farbige Zeichnungen, Bilder, Bücher und Poster“. [Bint Najmaddin 2015, S. 116. ]

 
Zum anderen geht es um die Methoden, die das Miteinander in der Familie und die Beziehung zum Kind betreffen. In wesentlichen Punkten unterscheiden sich die beiden Werke diesbezüglich kaum von westlichen Erziehungsratgebern. So wird das Stillen für den Prozess der Bindung angeraten. [Utz 2011, S. 77. ] Die Eltern werden aufgefordert dem Kind viel Liebe in Wort und Tat zu schenken [Utz 2011, S. 206.], mit ihm zu sprechen [Bint Najmaddin 2015, S. 19.] und zu spielen [Bint Najmaddin 2015, S. 15.], es zu loben und wertschätzend zu behandeln. [Bin Najmaddin 2015, S. 16.] Der respektvolle Umgang mit dem Kind zeigt sich ferner in der Empfehlung, die Kinder beim Aufstellen der Regeln im Haus und für das Miteinander einzubeziehen. [Bint Najmaddin 2015, S. 67 f.] Zuweilen untermauern die beiden Autorinnen ihre Empfehlungen mit Rückgriffen auf wissenschaftliche Studien – Bint Najmaddin ist Erziehungswissenschaftlerin, Utz Psychologin. Dass die salafistischen Erziehungsratgeber jedoch nicht gänzlich deckungsgleich mit ihren westlichen Pendants sind, zeigen Aussagen wie die folgende:

 
„Jedes Kind wird mit einer einzigartigen Persönlichkeit, mit den einzigartigen Eigenschaften, Gefühlen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und besonderen Gaben von Allah geboren. Diese Gaben wurden dem Kind aus einem bestimmten Grund gegeben. Sie sollten gefördert und zur vollkommenen Perfektion entwickelt werden. Den Kindern sollte gelehrt werden, ihre Talente und Mittel in den Dienst Allahs zu stellen.“ [Utz 2011, S. 259.]

 
Obschon ein respekt- und liebevoller Umgang propagiert und die Förderung der Kinder angeraten wird, erfolgt dies nicht primär zum Wohle des Kindes, sondern einzig und allein, um Gott zu dienen.

 
Gerade mit den Hilfestellungen für die Kindererziehung können diese Bücher dazu beitragen, zukünftige Extremisten hervorzubringen: Die Kinder wachsen in salafistischen Haushalten auf, in denen die Eltern die Grammatik beherrschen, um das extremistische Gedankengut in die Köpfe der Kinder zu pflanzen. Kinder, die auf diese Weise aufwachsen, stellen eine womöglich neue Generation von zukünftigen Extremisten in Deutschland dar. Eine neue Generation, die von der Radikalisierungsforschung bislang kaum beleuchtet wurde. Bislang waren in Deutschland vor allem Radikalisierungsprozesse im Jugendalter und in Elternhäusern zu beobachten, die nicht salafistisch geprägt sind. Für diese bislang vorherrschende Form gibt es verschiedene Radikalisierungsmodelle, die helfen, den Weg einer Person hin zum Extremisten nachzuzeichnen. Für die andere Form, also für Kinder und Jugendliche, die bereits in salafistischen Haushalten aufwachsen und dort indoktriniert werden, fehlen Erklärungsansätze bislang. Die Relevanz, sich mit dieser anderen Form auseinanderzusetzen, ergibt sich nicht nur aus den kursierenden Büchern. Über eine damals 15-Jährige, die im Februar 2016 in Hannover mit einem Messer auf einen Polizisten einstach, ist bekannt, dass sie durch den Einfluss ihrer Mutter bereits seit frühester Kindheit in der salafistischen Szene verkehrte.